Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber als ich gestern kurz nach 18 Uhr die ersten Wahlprognosen gesehen habe, drängte sich mir spontan folgender Gedanke auf:
"Interessant.... 13% meiner wahlberechtigten Mitmenschen sind scheinbar rechtsradikale Vollidioten".
Klar, das Ergebnis kam nicht ganz unerwartet, aber ein Teil von mir hatte immer noch gehofft, daß sich die sogenannten Protestwähler spätestens in der Wahlkabine die Frage stellen, ob man wirklich eine Partei unterstützen kann, die den Holocaust leugnet, die "besonderen Leistungen" der Wehrmacht glorifiziert, den Überfall auf Polen als Präventivschlag gegen eine polnische Invasion rechtfertigt, es vollkommen Ok findet, Neger und Schwuchtel zu sagen und diese dann wie die vielzitierte Sau durchs Dorf und aus dem Land zu jagen und an der Grenze auf Flüchtlinge schießen lassen will. Letzteres wohlgemerkt von der Dame, die dann heute erklärt hat, daß sie ihrer eigenen Fraktion im Bundestag nicht angehören möchte, da ihr die Kollegen dort "zu extrem" seien....
Ich hatte in der Tat die Hoffnung, daß die nationalistischen Entgleisungen jener Möchtegern-Führer ausreichten, um den seeeeeehr konservativen Wähler, der sich von unserer Bundesangie und ihrer für eine CDU-Chefin erstaunlich sozialdemokratichen Politik, abwenden möchte eine Warnung seien. Dass vor seinem inneren Auge die Warnlampen angehen würden und sein Gewissen ihn lautstark dazu drängen würde sein Kreuz "irgendwo" zu machen, aber nicht DORT. Eine Hoffnung, daß die Mehrheit ihren Protest anders äußert. Dass ein ganz klein wenig aus dem Geschichtsunterricht und dem speziell in Bayern für Schulklassen fast schon obligatorischen Besuch einer -nennen wir es mal- Barrackenstadt mit fragwürdigen sanitären Einrichtungen in der Nähe von Dachau hängen geblieben ist.
Nun.... ich hatte mich offensichtlich geirrt.
Aber vielleicht..... nur ganz ganz vielleicht würden jene (angeblich) konservativen Schreihälse ja nun, da sie ihr Ziel erreicht haben, mildere Töne anschlagen, um die frisch gewonnene (Protest-)Wählerschaft nicht gleich wieder zu verlieren oder schlichtweg, weil sie sich ihrer neuen Veranwtortung bewußt sind nun im Bundestag vertreten zu sein und aktiv am Wohl unserer Gesellschaft zu arbeiten. Ich hatte den Gedanken noch nicht ganz vor meinem geistigen Auge formuliert als einer derer größten Scheihälse "die Jagd auf die Kanzlerin" für eröffnet erklärte. Wenigstens gab es keinen wütenden Mob, der mit Fackeln und Mistgabeln den Bundestag stürmte um die Propagandaparole in die Tat umzusetzen....
Nun.... ich hatte mich offensichtlich wieder geirrt.
Glaubt man den vielgelobten Demoskopen, gehöre ich zur "deutschen Mittelschicht", würde mich selbst als halbwegs gebildet und weltoffen bezeichnen in einigen politischen Fragen eher etwas konservativ, meinetwegen spießig. Kurzum, mit meinen bayrischen Wurzeln der klassische CSU Wähler. Aber auch ich stand gestern Mittag in der Wahlkabine und überlegte mir "was mach ich jetzt?" Die CSU mag grundsätzlich die erste Wahl für den "Durchschnittsbayern" sein und wer hier was anderes wählt, sollte dies im Stillen Kämmerlein hinter vorgehaltener Hand ausschließlich seinem Priester bei der Sonntagsbeichte zwischen Gottesdienst und Frühschoppen sagen, aber wer für den Landeshorst und die Bundesangie nur bedingt Sympathien entwickelt und nach 8 Jahren Groko einen Würgereflex bei deren bloßer Erwähnung entwickelt, der kommt tatsächlich ins Grübeln. Nun gut, ich habe meine Wahl getroffen und als Atheist kann ich mir den Gang zum Beichtstuhl sparen.
Der restliche Abend verlief dann erstaunlich emotional...
Sei es blankes Entsetzen und zum Teil echte Wut über weitere Äußerungen jener Schreihälse, eine gewisse Genugtuung über den Entschluß des auf halben Wege steckengebliebenen Zugschaffners, er würde jetzt erstmal die (Oppositions-)Bank drücken, wäre doch damit wenigstens das viel zu lange andauernde Experiment "Groko" nun endlich gescheitert und natürlich kopfschütteln über unsere Bundesangie als sie von einem "klaren Regierungsauftrag" und "Optimismus für die Zukuft" sprach. Der Landeshorst hat dann zu meinem (kurzzeitigen) Wohlwollen wenigstens eingesehen, daß es eine "Katastrophe" ist, nur um dann gleich wieder von einem nötigen "Rechtsruck" zu sprechen für den ich ihn am liebsten nicht nur per Wahlzettel sondern auch live und direkt "abwatschen" wollte.
Ein bisschen Erleichterung stellte sich zumindest ein als sich die Proteste auf den Straßen unserer Städte und in den sozialen Medien gegen die Schreihälse formierten, zeigte es doch, daß im Umkehrschluß den 13% potentieller Vollidioten immerhin noch 87% stehen, die ihr Hirn NICHT vor der Wahlkabine angegeben haben und ebenso wie ich wenig erfreut über die Schreihälse sind.
Zu guter letzt darf natürlich auch eine gewisse Schadenfreude nicht fehlen. Ich behaupte mal, daß wir in unserer Gesellschaft nicht wirklich die besagten 13% Rechtsradikaler haben, sondern viele eben aus Unzufriedenheit und als Mahnung an die "großen Zwei" eben jene Partei etwas leichtfertig gewählt haben. Doch spätestens bei den vielen Interviews nach der Wahl und den aberwitzigen Äußerungen jener Schreihälse sollte jenen 13% ein Licht aufgegangen sein und jeder von denen, der nicht völlig realitätsfern in seinem heimischen Bunker unter der Reichskriegsflagge sitzt und der "Best of Göbbels" Schallplatte lauscht, sollte vor Scham im Boden versinken und sich selbst fragen "Was habe ich da nur angestellt?!"
Wie seht ihr das?